04-02-2011: Du verlässt mich nicht!

Jetzt willst Du aufgeben? Noch bevor wir wissen, wie viel Blogpotential in Deiner neuen Anstellung steckt? Zugegeben, einen zweiten JayJay wird es nicht geben, einen so redegewandten Galan mit Hemden so gelb wie seine Fingerspitzen, im Rhythmus unseres Herzschlags klappernder Zahnprothese, Faulgeruch verströmend. Du wirst von Deinem neuen Chef wohl nicht darüber aufgeklärt werden, dass der starke Arm des Grundgesetzes gerade mal bis zur Schwelle Deines Arbeitsplatzes reicht, wirst wohl irgendwann nächtens die Augen schließen können, ohne einen Mundwinkelpopel rollenden Gollum vor Dir zu sehen. Rosige Aussichten, möchte man meinen. Aber eines hast Du dabei vergessen, mein abtrünniger Matrosen-Freund: Eine Ratte hat es noch nicht geschafft. Die sitzt noch unter Deck und lässt sich von seinem nackigen Nachwuchs die Zitzen langziehen, während Kapitän Ahab darüber palavert, ihr das Steuer des Kahns zu überlassen. Und wenn das Rattenbaby in den Schiffskindergarten kommt, muss sie wieder Deck schrubben und darf sich dabei dann und wann den Kapitänshut aufsetzen. Liege ich richtig, wenn ich da ein kreischendes Äffchen auf Kapitän J. Ahabs Schulter sitzen sehe, dass ebenfalls ein Auge auf das Steuer geworfen hat? Mit dem gilt es dann auch erstmal fertigzuwerden… Das Epos vom sinkenden Schiff ist also keinesfalls zu Ende geschrieben, dutzende neue frustrierender Abenteuer warten auf mich, und ich werde auf den Blog als therapeutischen Ausgleich geradezu angewiesen sein. Aber auch Du, meine rote Wüstenblume, wirst erstmal verarbeiten müssen, was erst nach und nach aus der Verdrängung an Dir hochkriechen wird. Schweißgebadet wirst Du nachts aufwachen, weil Dir im Traum ein Latex-Overknees (und sonst nichts) tragender Mr. Burns den Hintern mit Kopierpapier versohlen will und anschließend in der gesamten internationalen Verlagswelt verbreitet, Du hättest versucht, ihn zu vergewaltigen. Ja, ja, überleg es Dir gut, ob Du dieses Medium wirklich nicht mehr brauchst. Sollte dem so sein: So sei es denn! Solltest Du zurückkehren wollen in den Inner Circle: Mein Tag wird ein schönerer sein!

PS: Bitte sei nicht irritiert, wenn Dich auch unangefragt dann und wann verstörenden Blogbeiträge erreichen. Sie sind Teil meiner Therapie und der Versuch, mein Kind ohne größere psychische Schäden heranwachsen zu lassen.
PPS: Als Kollegin bist Du einfach anbetungswürdig, und ich hoffe sehr auf eine Fortseztung!

13-11-2010 oder: Gehirn sagt bieeeep

Aufgrund akuten Schlafmangels musste das Gehirn der Bloggerin auf Standbymodus heruntergefahren werden. In diesem Zustand ist es leider nicht zur Produktion sinnvoller Zeichenkombinationen imstande. Es lässt Ihnen jedoch ausrichten: Wolken, Schäfchen, Muh Muh, Nacht schön dunkel, bähhh!
Wir bitten, seinen Ausfall zu entschuldigen.
MfG

21-10-2010 oder: Bananendieb wider Willen

Ich furze nur zu gern auf die Krise, um auf Deinen letzten Beitrag zu rekurrieren, – kann es mir leisten, denn ich lebe sowieso in meiner eigenen kleinen Welt, die ganz eigenen Gesetzen und Krisen unterworfen ist. Ausländer und Kindergärten sind dabei nur die Spitze vom Kreuzberg – äh, Eisberg. Andererseits bieten sich auch völlig neue Chancen und Betätigungsfelder. Meine kleinen Glücksmomente sind wesentlich zahlreicher geworden, seit die einzige gültige Wahrheit lautet: Erfolg ist, wenn das Baby schläft. Im Augenblick schläft es mehr oder weniger, denn die blauen Lämpchen des Babyphone-Diktators leuchten wild, wenn sie sich hin- und herwirft – mir ist nicht ganz klar, warum es zusätzlich zum penetranten Rauschen auch noch Lämpchen geben muss, doch ich vermute, es handelt sich bei meinem Babyphone um ein besonderes Modell für Taubstumme und Ohropaxfetischisten. Habe nur vom Warten auf Aufwachgeräusche kaum Spaß am Fernsehprogramm, da ich die Lautstärke fast bis zur Unhörbarkeit heruntergedreht habe. Die einzige Sendung, die man so noch gucken kann, ja, die dadurch sogar gewinnt, ist X-Factor, eine Castingshow mit Sarah Connor, in der ununterbrochen künstliche Tränen der Rührung verdrückt werden – Ergriffenheit scheint gerade en vogue zu sein. Wenn ich im Bett liege und selbst schlafen will, rauscht es in meinen Ohren weiter und die Lämpchen tanzen vor meinen Augen, obwohl das Baby eigentlich ein ordentlicher Schläfer ist – nur eben nicht in der Horizontale. Im Tuch umhergetragen, schläft es wie ein Bär, und von anderen Müttern ernte ich bei diesem Anblick mit meinen Beteuerungen, wie anstrengend die Nacht doch war, nur ein mildes und leicht abfälliges Lächeln. Das Vernünftigste wird sein, ich lasse mir von einem verrückten japanischen Forscher einen Kängurubeutel aus Gnuhaut auf den Bauch nähen, in dem sie die nächsten 12 Monate ungestört aufwachsen kann!
Tagsüber erledige ich alles, wozu zwei Hände unabdingbar sind, wenn sie in ihrem Tragedingens an mir hängt. Einkaufen z.B., denn Kinderwagen ist im Moment auch ein rotes Tuch. Wenn’s regnet, ist das aber eh praktischer, dann hat man eine Hand für Tüten und eine für den Schirm. Außer man wohnt im Ballungsgebiet sozialen Elends und kommt dann auch noch auf die Idee, im Ballungsgebiet des Ballungsgebietes einkaufen zu gehen: bei Netto. Da kann es einem nämlich passieren, dass man mit einem Regenschirm kommt und ohne wieder geht, wenn die Kassiererin länger als 10 Sekunden braucht, um einem den 5-Euro-Schein für den Einkaufswagen klein zu machen. Einmal umgedreht, und schwupps isser weg. Hier in Kreuzberg gibt’s einfach zu viele Kinder, als dass ein Säugling im Tragetuch noch irgendein moralisches Hemmnis darstellen könnte, seiner Mutter den Regenschirm zu stehlen! Na gut, konnte ich wenigstens mehr kaufen, denn ich hatte dann ja zwei Hände für Tüten frei.
Der stetige Gebrauch der Babytrage führt dazu, dass mein Hirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. So lässt sich einiges besser ertragen, es führt aber auch vermehrt zu Pannen: Werde auf U-Bahnhöfen von fremden Herren angesprochen, die mir konspirativ zubrüllen, dass mein Hosenstall offensteht, und in meiner „Stillgruppe“ (ja, schätze meine neuen Bekanntschaften muss man korrekterweise so bezeichnen, und: ja, es ist peinlich, dass ich zu so was gehe!) kann ich mich bald nicht mehr blicken lassen, wenn ich nochmal eine der Mädels zu ihrem hübschen Sohn beglückwünsche, der leider ein Mädchen ist. Es hat aber auch sein Gutes: Auf dem Heimweg vom Netto will ich schon mal in meiner Jackentasche nach dem Hausschlüssel zu wühlen beginnen (ich sollte damit etwa 200 Meter vor der Haustür anfangen, um rechtzeitig fertig zu werden), und was finde ich da? Eine Packung Bananen, die ich dort drin aus Versehen an der Kassiererin vorbeigeschleust habe. Blicke mich beschämt um, ob mir jemand folgt. Nichts. Beschließe dann, den Vorfall als Maßnahme meines Unterbewusstseins zu verbuchen, für ausgleichende Gerechtigkeit zu sorgen: Wenn mir Ghettonetto meinen Regenschirm nimmt, nehme ich mir halt einen Satz Gratis-Bananen mit.
Sie furzt. Das Babyphone kommentiert das mit einem blauen Lämpchen. Die Skala reicht je nach Lautstärke (und Wichtigkeit) bis fünf blaue Lämpchen. Offenbar ist ein Furz gerade wichtig genug, von einer Mutter – auch von einer taubstummen – zur Kenntnis genommen zu werden, allerdings nicht so wichtig, dass man deswegen X-Factor ausschalten müsste. Selten einen auf Anhieb unsympathischeren Menschen im TV gesehen als Till Brönner, der Trompeter aus der X-Factor-Jury mit seinen toten Augen und seinem Lackaffengrinsen. Bin überzeugt, dass er der Teufel ist. Frage mich, warum alte Omas auf den stehen (tun sie doch, oder? Dafür ist er doch da, nicht wahr?) – vielleicht ruft er bei Leuten über 70 Erinnerungen an die frühe Jugend wach („Diese Augen, die kenn ich doch! Ja, der Adolf, der war schon ein Mordskerl…“). Fühle mich schlecht, weil ich meine Tochter beim Furzen belausche, aber vielleicht will sie ja auch ein Statement setzen – gegen die Krise.

15-10-2010 oder: Reaktionäre Scheiße

Heute gehe ich zum Kindergarten. Meine Zweifel, ich könnte ob meiner verfrühten Bemühungen um einen Kitaplatz mißtrauisch beäugt werden, erweisen sich als begründet, meine Bemühungen allerdings als notwendig, denn es wird lange dauern, bis ich hier in der Gegend etwas annährehnd Aktzeptables finde… Seit ich mir über die Qualität von Wohnvierteln, Kindergartenplätze und ein kindgerechtes Umfeld Gedanken mache, enden meine Überlegungen immer öfter in der entgeisterten Frage, wann ich eigentlich zum ausländerfeindlichen Spießer geworden bin. Im Ernst: Natürlich mache ich meine Kreuzchen immer brav bei Ströbele, aber wenn ich meine latenten Überzeugungen beim Wahlomaten testen würde, würde ich garantiert als CSU-Sympathisant geoutet werden. Was ist es, dass einen im Alter (öhöm) immer konservativer werden, dass einen Joschka Fischer den Irakkrieg befürworten und in einer ehemals militanten Nazis-raus-Bügelbildchen-auf-dem-Bundeswehr-Rucksack-Trägerin antiislamisches Gedankengut aufkeimen lässt? In meinem Falle lässt sich das ziemlich eindeutig sagen. Die Antwort ist: Kreuzberg! Ich versuche ja, meine libanesischen Nachbarn, die ihren penetrant stinkenden Müll tagelang im Treppenhaus parken, liebzugewinnen, die Autoscheiben putzenden Sinti auf dem Mehringdamm nicht jedes Mal von meinem Auto zu verscheuchen, den Exhütchenspieler vom Balkan, der seinen Tagelohn nun mit so genannten Kneipenringen verdient, die er arglosen Omas auf der Straße als Goldfunde verkauft, nur müde zu belächeln und den Kinderwagen ganz cool durch die fetten Rauchschwaden zu schieben, die aus den mit ALG-II-verkloppenden Sozialschmarotzern gefüllten Wettbüros an jeder Ecke quellen. Ich versuch’s! Ich versuche, mir immer wieder zu sagen: Es gibt auch Deutsche, die so sind, und der Ekelpunk, der seine Köter immer direkt vor unsere Haustür scheißen lässt, gibt mir vollkommen recht. Doch dann erschrecke ich: Der wäre einem CSU-Wähler auch ein Dorn im Auge, und vor zehn Jahren hätteste Dich noch im Park neben den gechillt. Aber zurück zu den ganzkörper-verschleierten Frauen – den Pinguinen, wie meine bulgarische Freundin sie wütend nennt –, die drei Meter hinter ihrem Mann zu Intergida einkaufen gehen, und zurück zu den mysteriösen türkischen Sportclubs, schäbigen Gemeinschaftsräumen, in denen im funzeligen Energiesparlampenlicht Männer auf ausgemusterter Schulaula-Bestuhlung an abgewichsten alten Kneipentischen hocken und – ja, was machen die da eigentlich? Auch wenn ich eine dönerfressende, bei Intergida einkaufende, mit einem Ausländer verheiratete Ex-Antifa-Aktivistin bin: Die nerven doch!
Den Höhepunkt erreicht mein Kreuzbergverdruss beim Besuch des Kindergartens heute. Es ist ein protestantischer Kindergarten, angesiedelt in einer evangelischen Kirchengemeinde. Kein Zufall! Ja, ich gebe zu, die Freude darüber, auch in meiner Gegend eine von Sprachproblemen, weil von Türken und Arabern vermeintlich freie Insel aufgetan zu haben, wiegt meine Bedenken gegenüber einer religiös geprägten Früherziehung meines Sprösslings auf. Allerdings nur, bis ich das Gelände betrete. Ich naives Ding: Kein einziges deutsches Kind tollt da über den Kirchhof. Wenn mich nicht alles täuscht, sind das alles künftige Kopftuchträgerinnen und Sportclub-Mitglieder, die da unter dem heiligen Jesus spielen. Und dann im Gespräch mit der Kindergartenleiterin die vorsichtig herausgekitzelte Info: Den muslimischen Eltern ist die Religion des Kindergartens völlig egal. Aha, denke ich, das sind mal tolerante Eltern, die sich denken, das Kind müsse in die deutsch Kultur integriert werden. Nein, wichtig ist, dass die Kita direkt um die Ecke liegt, alles andere ist tatsächlich egal. Eigentlich erstaunlich, denn die Eltern müssten im Grunde genug Zeit haben, die Kinder auch in einer weiter entfernten Einrichtung abzuliefern, denn, wie ich gleich darauf ohne Nachfrage erfahre, wäre mein Nachwuchs unter den 90 Kindern der Kita eines von zehn, dessen Eltern EINEN JOB HABEN! Na, endlich gehört man mal zur Elite! Das Gespräch ist mit dieser Info innerlich für mich gelaufen, äußerlich muss es leider noch durch einen Kita-Rundgang und ein bisschen Höflichkeitsgeplänkel beendet werden. Als wir in der Küche ankommen, erfahre ich, dass hier generell ohne Schweinefleisch gekocht wird. Ich muss mir immer wieder in Erinnerung rufen, dass ich mich hier in einem evangelischen Kindergarten befinde. Ich habe nichts dagegen, dass auf Schwein verzichtet wird, aber was würden wohl die muslimischen Eltern sagen, wenn plötzlich ganz vegetarische Kost eingeführt werden würde? Ach so, wahrscheinlich wär ihnen das egal!
Mann, ich muss von dieser CSU-Haltung weg! Eine exzellent Deutsch sprechende und unheimlich charmante junge Türkin hat mit gestern beim Kinderwagentragen geholfen. Mit ihren Kindern würde ich meins sehr gern zum Kindergarten gehen lassen. Aber ich bin mir sicher: Die schickt ihre Sprösslinge außerhalb dieses Ghettos in die Kita!

08-10-2010 oder: Baby-Aphorismen

Alles ist fragmentarisch: Meine Schlafphasen, mein Gedächtnis, meine Blog-Beiträge. Bin nicht mehr imstande einen zusammenhängenden Text zu produzieren, doch die Tage sind reich an kuriosen Ereignissen und Gedanken. Leider entfallen mir diese aufgrund meines fragmentarischen Gedächtnisses immer sofort wieder.

Auch der Stress trägt das seinige dazu bei, dass mir der spärliche Rest, den mein sowieso schon siebhaftes Gedächtnis behalten hat, auch noch entfällt. Hauptverursacher von Stress ist nicht etwa das Baby, sondern der große Diktator Babyphone. Es brummt. Wie das weiße Rauschen einer psychologischen Versuchsanordnung. Nur: was wird getestet? Sicher ist aber, ich bin das Versuchskaninchen. Ich lausche ins Dunkle hinein. Das daddlende Fernsehprogramm stört meine Konzentration. Ich habe eine Mission: Belausche mein Kind – im Schlaf. Jetzt weiß ich, woher der Ausdruck „nicht abschalten können“ kommt. Wenn die blauen Lämpchen angehen, bekomme ich Schweißausbrüche. Die leuchten nur bei Geräuschen ab einer gewissen Lautstärke, allerdings fällt darunter auch Herumwälzen und Brabbeln im Schlaf.

Ständig denke ich: Wenn das jemand sehen würde…! Wenn ich auf dem Klo sitze und dem Kind, das übellaunig vor mir auf seiner Spieldecke liegt, dabei mit einer Hand den Nuckel im Mund festhalte. Wenn ich in einem Affenzahn den Stubenwagen vor und zurück reiße, dass die Vorhänge flattern wie Segel im Sturmwind, damit das Kind vergisst, dass es schlafen soll und darüber einschläft. Wenn ich wie ein Junkie vor dem Babyphone hocke …

Hoffe inständig, dass beim Deutschland-Türkei-Spiel kein Tor mehr fällt. Seit der WM 2006 gehören Feuerwerk und Hupkonzerte zum Fußball wie das weiße Hemd zu Jogi Löw. Ätzend. Vor allem, wenn man ein Kind mit leichtem Schlaf hat. Bemitleide nachträglich alle Mütter, deren Babys zur Fußball-WM geboren wurden. Kacke, Deutschland hat gewonnen und die Deppen aus der Ghettonachbarschaft packen ihre Schreckschusspistolen aus – das Babyphone brummt, aber die blauen Lämpchen bleiben leuchten nicht auf. Noch nicht… Kriege prophylaktisch einen Schweißausbruch.

schnarch