Ich furze nur zu gern auf die Krise, um auf Deinen letzten Beitrag zu rekurrieren, – kann es mir leisten, denn ich lebe sowieso in meiner eigenen kleinen Welt, die ganz eigenen Gesetzen und Krisen unterworfen ist. Ausländer und Kindergärten sind dabei nur die Spitze vom Kreuzberg – äh, Eisberg. Andererseits bieten sich auch völlig neue Chancen und Betätigungsfelder. Meine kleinen Glücksmomente sind wesentlich zahlreicher geworden, seit die einzige gültige Wahrheit lautet: Erfolg ist, wenn das Baby schläft. Im Augenblick schläft es mehr oder weniger, denn die blauen Lämpchen des Babyphone-Diktators leuchten wild, wenn sie sich hin- und herwirft – mir ist nicht ganz klar, warum es zusätzlich zum penetranten Rauschen auch noch Lämpchen geben muss, doch ich vermute, es handelt sich bei meinem Babyphone um ein besonderes Modell für Taubstumme und Ohropaxfetischisten. Habe nur vom Warten auf Aufwachgeräusche kaum Spaß am Fernsehprogramm, da ich die Lautstärke fast bis zur Unhörbarkeit heruntergedreht habe. Die einzige Sendung, die man so noch gucken kann, ja, die dadurch sogar gewinnt, ist X-Factor, eine Castingshow mit Sarah Connor, in der ununterbrochen künstliche Tränen der Rührung verdrückt werden – Ergriffenheit scheint gerade en vogue zu sein. Wenn ich im Bett liege und selbst schlafen will, rauscht es in meinen Ohren weiter und die Lämpchen tanzen vor meinen Augen, obwohl das Baby eigentlich ein ordentlicher Schläfer ist – nur eben nicht in der Horizontale. Im Tuch umhergetragen, schläft es wie ein Bär, und von anderen Müttern ernte ich bei diesem Anblick mit meinen Beteuerungen, wie anstrengend die Nacht doch war, nur ein mildes und leicht abfälliges Lächeln. Das Vernünftigste wird sein, ich lasse mir von einem verrückten japanischen Forscher einen Kängurubeutel aus Gnuhaut auf den Bauch nähen, in dem sie die nächsten 12 Monate ungestört aufwachsen kann!
Tagsüber erledige ich alles, wozu zwei Hände unabdingbar sind, wenn sie in ihrem Tragedingens an mir hängt. Einkaufen z.B., denn Kinderwagen ist im Moment auch ein rotes Tuch. Wenn’s regnet, ist das aber eh praktischer, dann hat man eine Hand für Tüten und eine für den Schirm. Außer man wohnt im Ballungsgebiet sozialen Elends und kommt dann auch noch auf die Idee, im Ballungsgebiet des Ballungsgebietes einkaufen zu gehen: bei Netto. Da kann es einem nämlich passieren, dass man mit einem Regenschirm kommt und ohne wieder geht, wenn die Kassiererin länger als 10 Sekunden braucht, um einem den 5-Euro-Schein für den Einkaufswagen klein zu machen. Einmal umgedreht, und schwupps isser weg. Hier in Kreuzberg gibt’s einfach zu viele Kinder, als dass ein Säugling im Tragetuch noch irgendein moralisches Hemmnis darstellen könnte, seiner Mutter den Regenschirm zu stehlen! Na gut, konnte ich wenigstens mehr kaufen, denn ich hatte dann ja zwei Hände für Tüten frei.
Der stetige Gebrauch der Babytrage führt dazu, dass mein Hirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. So lässt sich einiges besser ertragen, es führt aber auch vermehrt zu Pannen: Werde auf U-Bahnhöfen von fremden Herren angesprochen, die mir konspirativ zubrüllen, dass mein Hosenstall offensteht, und in meiner „Stillgruppe“ (ja, schätze meine neuen Bekanntschaften muss man korrekterweise so bezeichnen, und: ja, es ist peinlich, dass ich zu so was gehe!) kann ich mich bald nicht mehr blicken lassen, wenn ich nochmal eine der Mädels zu ihrem hübschen Sohn beglückwünsche, der leider ein Mädchen ist. Es hat aber auch sein Gutes: Auf dem Heimweg vom Netto will ich schon mal in meiner Jackentasche nach dem Hausschlüssel zu wühlen beginnen (ich sollte damit etwa 200 Meter vor der Haustür anfangen, um rechtzeitig fertig zu werden), und was finde ich da? Eine Packung Bananen, die ich dort drin aus Versehen an der Kassiererin vorbeigeschleust habe. Blicke mich beschämt um, ob mir jemand folgt. Nichts. Beschließe dann, den Vorfall als Maßnahme meines Unterbewusstseins zu verbuchen, für ausgleichende Gerechtigkeit zu sorgen: Wenn mir Ghettonetto meinen Regenschirm nimmt, nehme ich mir halt einen Satz Gratis-Bananen mit.
Sie furzt. Das Babyphone kommentiert das mit einem blauen Lämpchen. Die Skala reicht je nach Lautstärke (und Wichtigkeit) bis fünf blaue Lämpchen. Offenbar ist ein Furz gerade wichtig genug, von einer Mutter – auch von einer taubstummen – zur Kenntnis genommen zu werden, allerdings nicht so wichtig, dass man deswegen X-Factor ausschalten müsste. Selten einen auf Anhieb unsympathischeren Menschen im TV gesehen als Till Brönner, der Trompeter aus der X-Factor-Jury mit seinen toten Augen und seinem Lackaffengrinsen. Bin überzeugt, dass er der Teufel ist. Frage mich, warum alte Omas auf den stehen (tun sie doch, oder? Dafür ist er doch da, nicht wahr?) – vielleicht ruft er bei Leuten über 70 Erinnerungen an die frühe Jugend wach („Diese Augen, die kenn ich doch! Ja, der Adolf, der war schon ein Mordskerl…“). Fühle mich schlecht, weil ich meine Tochter beim Furzen belausche, aber vielleicht will sie ja auch ein Statement setzen – gegen die Krise.